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50 Jahre Narrenrat

 

1958 – 2008: 

Vortrag „Daten und Fakten“ von Ehren-Narrenrats-Präsident Paul Prinz

zum 50-jährigen Jubiläum des Narrenrates von Bad Homburg am 14.09.2008

 

Bei der Vorbereitung von Jubiläen kommt es immer wieder zu einem ganz besonderen Phänomen: Anstatt sich über das erreichte Jubelalter einfach nur so vor sich hin zu freuen, kommt mindestens einer aus dem Jubelkreis auf die  - wie er meintglorreiche Idee, die Jubelzeit einmal fein säuberlich rückwärts bis zum Gründungstag aufzudröseln. Die Idee wird flugs zum historischen Jubiläums-Pflichtthema erklärt und dem Vortragenden mit dem Hinweis aufs Auge gedrückt, Antwort auf alle Fragen fände sich bestimmt in den Annalen, in denen man ja nur zu wühlen brauche.

 

Um aber in Annalen des Narrenrates wühlen zu können, müssen Sie erst mal Annalen finden. Sie finden uns zwar (seit 2005) unter www.narrenrat-bad-homburg.de im Internet aber Annalen vom Narrenrat finden Sie weder in der realen noch in einer virtuellen Welt. Ich frage Sie, wo überhaupt wollen Sie bei einer Institution suchen, die kein Verein ist, kein eigenes Büro & keine gedruckte Satzung hat, keine Mitgliederliste führt und keine Jahreshauptversammlung kennt?

 

 

 

 

Heute gibt es Sitzungs-Protokolle, schön und gut, das aber erst seit 1976. Vorher haben sich unsere Altvorderen das Besprochene einfach gemerkt. Damit sind sie offensichtlich klar gekommen, haben aber uns, der Nachwelt, keine Annalen hinterlassen. Kenner der närrischen Szene könnten jetzt darauf verweisen, dass doch Peter Lampert, der Archivar des Narrenrates, in zwei Bänden 1984 und 1998 die Chronik der Bad Homburger Fastnacht geschrieben habe. Hat er, aber in Sachen Narrenrat war er (wie ich heute auch) darauf angewiesen, dass närrische Ur- oder Gründungsväter etwas mündlich zu überliefern, zu erzählen hatten. Dem Peter Lampert kam damals (wie mir heute) am meisten die eigene Mitgliedschaft im Narrenrat zupass, denn dort haben wir uns in vielen Sitzungen über Jahrzehnte unser Wissen über dieses Gremium buchstäblich ersessen.

 

Vor diesem Hintergrund möchte ich Ihnen mit ein paar Daten und Fakten darstellen, wie es zur Gründung des Narrenrates kam, was er macht und was es zu tun gibt. Dazu müssen wir uns gedanklich kurz in seine Gründungszeit zurückversetzen. Nach dem Krieg, etwa ab Mitte der 50-er Jahre, wurden die Karneval-Veranstaltungen wieder überall zu wichtigen gesellschaftlichen Ereignissen, der Karneval füllte Säle und Hallen, er hatte eine neue Hoch-Zeit. Bei den einzelnen Vereinen in Bad Homburg und Kirdorf hatte sich sehr bald die Erkenntnis durchgesetzt, dass es sinnvoll sei, gemeinsame Interessen gemeinsam zu vertreten, die gegenseitigen Besuche bei den Fremden-Sitzungen sowie sonstige Termine und Aktivitäten zu koordinieren und vor allem sich anstelle von mehreren Tollitäten oder Lieblichkeiten pro Campagne auf nur eine einzige gemeinsame für alle Vereine zu verständigen.

 

Damit waren der Nutzen und die Notwendigkeit eines vereinsübergreifenden Narrenrates umrissen und zu einem närrischen Projekt mutiert, das 1958 mit der konstituierenden, ersten Narrenrats-Sitzung realisiert wurde. Fest steht, dass diese konstituierende Sitzung im Sommer 1958 im damaligen „Nassauer Hof“ stattfand. Ein genaues Tages-Datum ist nicht zu eruieren, aber sei’s drum: Wichtig ist heute für uns, dass der Narrenrat 1958 in die Bad Homburger und Kirdorfer Narrenwelt gesetzt wurde und zu wirken beginnen konnte.

 

Aus der Zeit vor und nach der Gründung, in der es galt, das Gebilde Narrenrat mit Leben zu füllen, verdienen die Initiative und das Engagement von Kurt Schenkelberg vom CV Heiterkeit, dem späteren ersten und langjährigen Narrenrats-Präsidenten, besondere Erwähnung.

 

Wie funktioniert der Narrenrat?

Der Narrenrat ist kein eingetragener Verein, er versteht sich als Dachorganisation, als Holding der vier jetzt in der Reihenfolge ihrer Gründung genannten Bad Homburger und Kirdorfer Karnevalsvereine, HCV von 1902, Club Humor von 1904, CV Heiterkeit von 1919 und FdC von 1952.

 

Welche Personen sind im Narrenrat?

Als Mitglieder in den Narrenrat entsenden die einzelnen Vereine in der Regel den jeweiligen 1. Vorsitzenden und den Sitzungspräsidenten. Narrenrats-Mitglieder können aber auf der Basis vereinsinterner Entscheidungen genau so gut der/die Geschäftsführer(in), der/die Schriftführer(in) oder eine andere adäquate Kompetenz-Person sein. Was zählt, ist dass bei Abstimmungen jeder Verein nur zwei Stimmen hat.

 

Frontmann im Narrenrat ist der amtierende Narrenrats-Präsident. Das ist seit 2005 unser Torsten Hainz. Getreu dem Motto „Wem Gott ein Amt gibt, dem gibt er auch Verstand und dazu die Monika als rechte Hand“ wird das präsidiale Funktionieren von Torsten Hainz gesteuert. Unterstützt wird er von unserer T- O- P-Chefin Monika Neumann. T O P-Chefin bedeutet Termine-, Organisations- und Protokoll-Chefin.

 

Sicher mehr als nur ein Merkposten sind die derzeitigen Ehren-Narrenrats-Präsidenten Rolf Klein und Gerhard Traub allein schon deshalb, weil ich als dritter auch dazu gehöre.

Wenn wir schon bei Namen sind: Die Vorgänger von Torsten Hainz waren:

+ Kurt Schenkelberg vom CV Heiterkeit von 1958 -  1978,

+ Hanns Peter Wilhelm vom HCV von 1978 bis 1984,

Paul Prinz vom HCV von 1984 bis 1987,

Rolf Klein vom FdC von 1987 bis 2000 und

Gerhard Traub vom Club Humor von 2000 bis 2005.

 

Reden wir über den Tollitäten-Turnus:

Heute kennen wir es nicht anders: alle 4 Jahre im Wechsel stellt der einzelne Verein die Tollität, die stellvertretend für alle vier im Narrenrat verbandelten Karnevals-Vereine die närrische Regentschaft über die Bad Homburger und Kirdorfer Narren ausübt. Diese Regelung ist zweifelsfrei sinnvoll und freut wohl am meisten und vor allem die Schatzmeister der Vereine, weil sie sich drei Jahre hinter einander keine Gedanken um die Beschaffung (und Bezahlung) der Prinzenorden machen brauchen. Und unsere verehrte Frau Oberbürgermeisterin braucht bei der Inthronisation die närrische Schlüsselgewalt immer nur an eine Tollität abgeben.

 

Dass der Narrenrat seiner Zeit immer schon voraus war, belegt z. B. die Tatsache, dass er schon 1978, also vor 30 Jahren, die Reihenfolge der Tollitäten bis zum Jahre 2022 festgelegt hat (4 x 11 = 44 Jahre!).

Heute steht die Tollitäten-Planung bis zum Jahre 2031. (2031 ist der 100. Geburtstag von ENRP Rolf Klein). Dabei können Sie nicht einfach im Vier-Jahres-Turnus durchzählen, denn jeder Verein hat z. B. mal ein Jubiläum und das will er natürlich mit einer Tollität feiern. Ein praktisches Beispiel: in der Campagne 2011/2012 wäre turnusgemäß der HCV dran, aber der wird 2013 närrische 111 Jahre alt, also wird er mit dem Verein tauschen, der 2012/2013 dran wäre. Wo findet sich da die Problemlösung? Richtig: Beim Narrenrat!

 

Kommen wir zum Thema „Narren und Humor“.

Es gibt Narren, die meinen, Humor sei die ernsteste Sache der Welt. Der Dichter Hermann Hesse hat dazu formuliert, dass „aller höherer Humor damit anfange, dass man sich selbst nicht zu ernst nehme“. Mir scheint, der Narrenrat hat dies für sich vorbildlich verinnerlicht, denn der Narrenrat erfreut sich, von gelegentlichen „Banal-Disputen“ abgesehen, geradezu eines paradiesisch harmonischen Daseins. Er kommt ohne Satzung und ohne Statuten aus. Dem Narrenrat genügt schlicht und ergreifend der einsichtige Narrenverstand seiner Mitglieder.

 

Allerdings hört man gelegentlich auch munkeln, das Auskommen ohne Satzung und ohne Statuten hänge wohl damit zusammen, dass die Präsidenten in ihren Vereinen genug Arbeit mit Satzungs- und Statutenarbeit hätten, da bräuchten sie ähnlichen Stress nicht auch noch im Narrenrat.

 

Eine Rarität aus dem Narrenrat: die kurstädtische Episode mit dem „Balneo-Touch“.

Einmal in seiner 50-jährigen Geschichte sah sich der Narrenrat aus Beweggründen, die im Bereich des „balneologischen Mitgefühls und des Erbarmens“ anzusiedeln sind, geradezu genötigt, konspirativ zu handeln. Dennoch wird hoffentlich niemand den Narrenrat, dieses Kolloquium harmoniesuchender Obernarren, ernsthaft mit Begriffen wie „konspirative Vereinigung“ o. ä. bedenken wollen. Vielleicht sollte ich besser einfach nur von „meinungsbildender Aktivität in der Kur- und Kongress-Szenerie“ sprechen. Ich gestehe, das Ganze passierte unter meiner Ägide und ist damals so gelaufen:

Bei der Narrenrats-Sitzung am 3. Dezember 1985 hatten wir wegen der Vorbereitungen für eine Gemeinschaftssitzung aller 4 Karnevalsvereine den Bad Homburger Neubürger Peter P. Bruckmaier bei uns zu Gast. Peter P. Bruckmaier lief damals noch mit dem mageren Titel „Kurmanager“ durch die Bad Homburger Häuserschluchten und Kurgefilde. Je dunkler die Nacht an jenem 3. Dezember im FdC-Clubheim in der Alten Mauergasse 3 wurde, umso mehr verfestigte sich bei uns die Meinung, dass der Titel „Kurdirektor“ wesentlich besser zu Peter P. Bruckmaier passe. Der Narrenrat verständigte sich folgerichtig darauf, den „Kurmanager“ fortan überall und besonders bei allen seinen Sitzungs-Auftritten in der Campagne beharrlich als „Kurdirektor“ zu titulieren. Heute wissen wir alle: es hat funktioniert und so ist aus dem „Kurmanager“ Peter P. Bruckmaier der Bad Homburger „Kurdirektor“ Peter P. Bruckmaier geworden.

 

Apropos Gemeinschaftssitzung:

Mit dem Thema Gemeinschaftssitzungen streife ich das gemeinsame soziale Engagement aller vier Vereine speziell unter dem Dach des Narrenrates.

 

Auf die vielfachen individuellen Engagements der einzelnen Vereine in Form von Beteiligungen und Gestaltungen von Festen und Veranstaltungen innerhalb und außerhalb der närrischen Jahreszeit kann ich leider an dieser Stelle nicht im Detail eingehen, möchte aber sehr akzentuiert darauf verweisen.

Die erste Gemeinschaftssitzung unserer 4 Karnevalsvereine fand am 8. Februar 1986 statt, die zweite folgte am 24. Februar 1990. Mit freundlichem Rundungs-Zutun der Stadt konnten wir nach der 86-er Sitzung der „Lebenshilfe für geistig Behinderte“ den Erlös von 10.000 Mark und nach der 90-er Sitzung der „Schnellen Hilfe in Not“ den Erlös von 8.000 Mark überreichen.

Der ersten Gemeinschaftssitzung von 1986 verdanke ich übrigens eine gewonnene Wette. Hanns Peter Wilhelm hatte im April 1985 mit mir gewettet, dass es mir als Narrenrats-Präsident nicht gelingen werde, alle vier Vereine für eine gemeinsame Sitzung auf die Bühne des Kurtheaters zu bringen. Und ich habe doch! Über die gewonnene Wette (um eine Tafel Schokolade) hat sich keiner mehr gefreut als der Verlierer HPW selbst!

 

Ich komme zum Jubiläums-Resümee:

Wir vom Narrenrat ließen es uns heute, aber auch nur heute!, gefallen, dass jemand vielleicht meint, wir seien jetzt mit unseren 50 Jahren eine Art Narren-Club mit Jubiläums-Goldschimmer im vielfach lichter werdenden Silberhaar.

 

Im Ernst, meine sehr verehrten Damen, meine Herren: Wir sind engagierte Narren aus unseren Vereinen, wir haben dort unsere Basis und wir wollen mit unserer kumulierten Erfahrung aus diesen vier Vereinen allen Närrinnen und Narren helfend, beratend und koordinierend zur Seite stehen, wenn diese mit viel Idealismus und Engagement ihren primären Aufgaben der Brauchtumspflege, der Jugend- und der Nachwuchsarbeit nachkommen.

 

Das galt so in den letzten 50 Jahren bis zur heutigen Goldschimmer-Reife und das wird für den Narrenrat sicher auch in Zukunft die närrische Maxime bleiben! Um dieses Vorhaben verwirklichen zu können, bitte ich unsere Vereine, die Vertreter der Kommune, der Politik und der Wirtschaft weiterhin um ihr ungebrochenes Engagement und um ihre stete, tatkräftige Unterstützung für uns.

 

Dann schaffen wir das schon.

 

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.

 

© Paul Prinz / 14.09.2008

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